Nicole Althaus am Freitag den 19. März 2010

Kleiner Stimmungsaufheller

Beinahe hätte ich vergessen, wie unglaublich begeisterungsfähig Babys sein können. Doch Leos kleiner Wonneproppen, den ich vorgestern über Nacht hütete, hat mir wieder einmal vorgeführt, weshalb Säuglinge die wirkungsvollsten Stimmungsaufheller sind. Da gluckst der Kleine in seinem Reisebettchen am Morgen in aller Herrgottsfrühe so enthusiastisch vor sich hin, dass man sich schlaftrunken aus der Bettdecke schält, um den Auslöser des kleinkindlichen Begeisterungssturmes näher zu inspizieren: Es ist die blosse Tatsache, dass der grosse Zeh noch da ist. Wie könnte man da wieder ins Bett steigen, wenn man zusammen mit einem Baby eine solche umwerfende Entdeckung feiern kann!

Man nimmt das Kind also auf den Arm, verlässt das Dämmerlicht des Schlafzimmers und hört den Jungen jauchzen vor Freude über den neuen Tag und die Katze von gestern. Die Freude ist so gross, dass ein Lächeln nicht reicht und auch kein Lachen, um ihr Ausdruck zu verleihen, das ganze Leokind wird Freude, die Ärmchen, sie rudern, die Beine, sie zappeln, der Oberkörper windet sich in diesem grossen Gefühl. Und die Augen erst, die noch dieses einzigartige Leuchten haben, weil sie sehen, was da ist, und nicht suchen, was fehlt.

Könnte man sich doch wieder so freuen wie ein Baby. Über nichts und über alles. Tochter II macht einen Purzelbaum und wird angehimmelt, als wäre sie Ariella Käslin und hätte eben einen doppelten Salto auf den Schwebebalken hingelegt. Dann guckt das Kind auf den Tisch und inspiziert mit totaler Konzentration die herumliegenden Brosamen, versucht sie zu fassen mit seinen kleinen Patschfingerchen, jede einzelne davon, begeistert von der Vielfalt ihrer Erscheinung. Nur um kurz darauf in helles Giggeln auszubrechen, weil die Quietschente quietscht und vollends aus der Fassung zu geraten, weil Tochter I, sein Lieblingsbabysitter, auf der Bildfläche erscheint.

Nein, man kann wirklich nicht schlecht gelaunt sein, wenn man den Tag mit einem Säugling beginnt. Ich muss mir den Leosohn öfters mal ausleihen.

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Nicole Althaus am Donnerstag den 18. März 2010

Stillen bis zum Schuleintritt?

Die natürlichste Sache der Welt? Die achtjährige Bettany an Mamas Brust. Still aus dem Dokumentarfilm "Extraordinary Breastfeeding"

Die natürlichste Sache der Welt? Die achtjährige Bettany an Mamas Brust. Still aus dem Dokumentarfilm «Extraordinary Breastfeeding»

Das Bild eines Babys an der Brust seiner Mutter ist längst zum Sinnbild von Mutterschaft schlechthin geworden. Das Bild eines Schulkindes am Mutterbusen hingegen ist ein Garant für hitzige Diskussionen. Nicht umsonst hat der  Dokumentarfilm «Extraordinary Breastfeeding», der eine Mutter begleitet, deren achtjährige Tochter noch regelmässig an der Brust nuckelt, das Langzeitstillen vor zwei Jahren über Nacht zum Smalltalkstoff in jedem Pub Grossbritanniens gemacht.  Letztes Wochenende nun sorgte ein Artikel über das Buch «Breastfeeding Older Children» der Autorin Ann Sinnott für eine Neuauflage der Debatte im angelsächsischen Raum. Man könnte gar von einer Offensive des Still-Kulturkampfes sprechen, den wir auch hier im Mamablog thematisiert haben. Die Fronten sind klar:  Sie lassen sich auf die Quintessenzen «total natürlich» auf der einen und «total pervers» auf der anderen Seite reduzieren.

Aber zurück zur Quelle, zum Busen also. Autorin Ann Sinnott umkreist ihn dialektisch. Sie stellt in ihrem Buch durchaus interessante Fragen: Stillen Mütter aus eigenem Bedürfnis nicht ab? Oder lassen sie den Nachwuchs zur Brust, weil es diesem gut tut? Profitieren Kinder, die Beisserchen haben und normal essen können, gesundheitlich überhaupt noch von der Muttermilch? Was richtet Langzeitstillen in der Partnerschaft an? Sind Männer zurecht irritiert, wenn Schulkinder noch an Mamas Busen hängen? Nur um darauf allerdings die in ihren Augen einzig gültige Antwort zu geben: Langzeitstillen sei wichtig und richtig. Die natürlichste Sache der Welt, die in vielen Ländern auch heute noch ganz selbstverständlich gepflegt werde. Die Stigmatisierung von stillfreudigen Müttern sei nichts weniger als ein «kulturelles Vorurteil» und eine «Missachtung eines natürlichen weiblichen Bedürfnisses».

Prompt wird die Autorin von Stilllobbys wie die La Leche Lega und auf diversen Stillseiten und  Momblogs als «Göttin des Stillens» bezeichnet, als Verfasserin der neuen Stillbibel, ja sie wird zur feministischen Ikone hochgeschrieben, die sich sozusagen für die Urbedürfnisse einer jeder Mutter stark macht und ein gesellschaftliches Paradigma umstösst.

Ist das tatsächlich so? Würden wir Mütter am liebsten unsere Kinder bis zur Volljährigkeit stillen, wenn man uns nur liesse? Entschuldigen Sie meinen Zynismus, liebe Leserschaft, aber die süsse Muttermilch stösst mir mittlerweile etwas sauer auf. Vor allem wenn sie gar nicht mehr versiegen will und mit dem obligaten Argument «das-machen-die-Ureinwohner-von-Papuaneuguinea-auch-so» verabreicht wird.

Ich bin ja durchaus eine Freundin von Autoren, die kulturelle Paradigmen hinterfragen und umstossen. Und ich zeige auch nicht mit dem Finger auf Mütter, die ihre Kinder ein Jahr und länger stillen. Aber ich bin skeptisch, wenn gut ausgebildete und gut genährte Frauen, die alle Vorzüge der industrialisierten westlichen Welt geniessen, total selektiv und meist in Mutterbelangen die weiblichen Sitten in Entwicklungsländern zum Vorbild erheben. Auch wenn laut WHO Kinder weltweit gesehen durchschnittlich erst im Alter von vier Jahren abgestillt werden: Ein vierjähriges Nintendo-DS-spielendes Kind in London hat wenig gemeinsam mit einem vierjährigen Kind in einem ländlichen Gebiet, in dem das Trinkwasser womöglich verschmutzt ist.

Darüber hinaus finde ich es geradezu dumm, um nicht zu sagen fahrlässig, wenn man Emanzipation neuerdings auf prall gefüllte Brüste und die weibliche Aufzuchtslust reduziert. Eine Autorin, die wie Sinnott, allen Ernstes Sätze schreibt wie: «Durch die Mutterschaft mit einer funktionierenden Brust im Zentrum kann eine Frau besser zu sich finden.», hat für meinen Geschmack ein etwas zu Oberweite-fixiertes Frauenbild, um als neue feministische Ikone gefeiert zu werden.

Ich glaube nämlich nicht, dass Sinnots bewegte Geschlechtsgenossinnen einst Büstenhalter verbrannt haben, damit sich die nachfolgenden Generationen  nun lebenslänglich den Still-BH umschnallen. Und Sie?

Lesen Sie auch: Die Schreckensherrschaft stillender Brüste

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Michèle Binswanger am Mittwoch den 17. März 2010

Der Witz am Witz

Neulich stiess ich im Internet auf den neuesten Youtube-Running-Gag. Es handelt sich um eine Aufnahme des russischen Sängers Eduard Kiehl, der eine Vocal-Version seines Lieds «Ich bin froh, endlich daheim zu sein» («Я очень рад, ведь я, наконец, возвращаюсь домой») zum Besten gibt. Ich fand das ziemlich lustig und kicherte vor dem Computer in mich hinein, als meine Tochter daherschlenderte. Sie sah sich den Typen an. Normalerweise siedeln Erwachsene und Kinder, was den Humor anbelangt, in einigermassen weitentfernten Gefilden. Aber beim Anblick Eduard Kiehls brach sie, zum grossen Erstaunen ihres jüngeren Bruders, in spontanes Gelächter aus.

Viele glauben, Kinder hätten keinen Humor und seien nicht lustig. Marion Bönsch-Kauke, eine über Kinderhumor forschende Psychologin, ist sogar überzeugt, dass jedes Kind Humor hat, der sich sehr vielfältig äussert, von Spitznamen und Sprachspielen bis zur Situationskomik. Nur verstehen die Erwachsenen das oft nicht, tun es als Unsinn ab, kindisches Geblödel. Tatsächlich trainieren Kinder, auch wenn sie episch die Ausscheidungsvorgänge des menschlichen Körpers deklinieren, ihren Sinn für Witz.

Marion Bönsch-Kauke erklärt es so: Humor ist eine Kategorie des sozialen Verhaltens und Erlebens, wodurch Unvereinbarkeiten (Konflikte, Ambivalenzen, Unsicherheiten, Ängste und Widersprüche) im Zusammenleben spielerisch kreiert, erheiternd verstanden und zunehmend witzig aufgelöst werden.» Aha. Man könnte es auch so sehen: Humor ist ein gewinnender Charakterzug. Beziehungen, Karrieren, ja ganze Imperien lassen sich darauf gründen. Vor allem kann man damit auch das andere Geschlecht beeindrucken. Humor macht attraktiv, wofür Woody Allen oder Victor Giaccobo bezeugen.

Wie man lustig ist, bleibt ein Mysterium. Humor ist eine Gabe, ein Aspekt der Persönlichkeit und individuell ziemlich verschieden. Es ist ein Spiel, das man durch jahrelange Übung perfektioniert, eine Sprache, mit der man lernen muss, umzugehen. Schon nur, bis man einen öden Witz hinkriegt, dauert es lange. Man muss üben und seine Eltern immer weiter mit Unlustigem quälen, um es hinzukriegen.

Womit wir bei der Pointe wären. Meine Kinder sogar einen geradezu heiligen Ernst, wenn es darum geht, herauszufinden, warum ein Witz Spass macht. Sie erfinden selber Geschichten, die sie für lustig halten, aber im Nichts enden, und dann schauen sie erwartungsvoll. Sie müssen noch lernen, dass nichts weniger lustig ist, als ein misslungener Witz. Und ist ihnen mal einer gelungen, wollen sie ihn immer wieder erzählen. Es nützt nichts, ihnen zu erklären, dass Pointen durch Überraschung funktionieren, also nach einem Mal verbraucht sind.

Jüngst erzählte mir meine Tochter folgendes: Kommt ein Mann in ein Fundbüro und sieht da ein Schild: Hier haben sie nichts verloren. Ist das jetzt ein Witz? fragte sie mich. Well, du hast eine Pointe, sagte ich und dachte: fehlt nur noch der Witz. Aber das braucht es ja auch nicht immer. Und so wandten wir uns wieder Eduard Kiehl zu und kicherten uns gegenseitig unter den Tisch.

Michèle Binswanger am Dienstag den 16. März 2010

Das Neiden der jungen Eltern

MAMABLOG-CLOONEY-UP-IN-THE-AIR-01.

Ein beneidenswerter Kerl, frei von allen Bindungen: George Clooney in «Up in the Air» (2009).

Dem heutigen Blogpost muss ich eine Warnung vorausschicken. Das Thema könnte ihre emotionale Stabilität gefährden. Oder sie nerven. Aber es muss mal gesagt sein. Manchmal ödet es an, eine Familie zu haben und man fragt sich, ob die Entscheidung dafür richtig war. Mir ging es so am Samstagnachmittag. Ich stand im Zoo vor dem Schimpansenkäfig und betrachtete die Tiere dabei, wie sie sich gegenseitig mit Bananen bewarfen, dazu der Soundtrack meiner Kinder, die zu wissen verlangten, warum die Affen so komische Hintern haben. Statt einen Exkurs über die Evolutionstheorie zu halten, dachte ich an ganz andere Hintern. Jene, die jetzt gerade bei der einzigen Basler Fashionshow der Modeklasse über einen Laufsteg defilierten, behängt mit den Kreationen dieser jungen, hoffnungsvollen neuen Generation junger Modetalente. Lieber als über Schimpansen und das anstehende Zvieri hätte ich mich darüber unterhalten, welche Kollektion jetzt State of the art ist und welche nicht.

Das kam so. Jüngst rief meine schöne Freundin, Mutter und Single, mich an. Sie ist frisch verliebt in einen kinderlosen Mann, erzählte mir von einem Nachtessen mit ihm. «Wir redeten über unsere Träume, Wünsche und Pläne. Und ich musste mich zusammennehmen. Manchmal macht mich das so neidisch.» «Inwiefern?», fragte ich vorsichtig. «Er hat sein Leben, seinen Job, kann auf Reisen gehen, tun, was er will. Diese Freiheit.»

In solchen Situationen fühle ich mich jeweils wie das Ehepaar Roth aus Woody Allens «Husbands and Wives». Als ihre besten Freunde ihnen mitteilen, dass sie sich trennen wollen, wollen die Roths davon nichts hören und sind schliesslich so aus dem Häuschen, dass am Ende ihre Ehe dabei draufgeht. So geht es mir, wenn andere die Frage stellen, ob es nicht doch bessere Lebensformen als die familiäre gibt.

Also bellte ich wie ein pawlowscher Hund mein «Ja, aber!» ins Telefon und leierte etwas über die Tiefe der Erfahrung des Kinderhabens herunter und dass Freiheit eben auch nicht alles ist. Dann fragte mich meine Freundin, ob ich mit ihr zur Diplom-Modeschau der Basler Modefachklasse kommen wollte. Ich wollte, konnte aber nicht, weil ich meine Nichte zu Besuch hatte.

Neid ist kein besonders edles Gefühl und deshalb steht man auch nicht gern dazu. Besonders nicht vor sich selber. Aber es gibt ihn. Er nährt sich an der Vorstellung all der freien Menschen da draussen, die ihre Nachmittage nicht im Zoo verbringen, lange Reisen planen, sich spontan für irgendwelchen Unsinn entscheiden, und man argwöhnt, dass man in eine stupide biologische Falle getappt ist, welche die smarteren Freunde elegant umschifft haben. Als ich die wirklich hässlichen Schimpansenhintern studierte, mich dann umdrehte und der versammelten Elternschaft in ihrem gelangweilten Trott zusah, dachte ich, dass ihnen wie wahrscheinlich auch allen andern der Eltern hier die Tiefe dieser Erfahrung manchmal, nun ja, am Arsch vorbeigeht.

Abends sah ich mir den Film «Up in the Air» an. George Clooney spielt darin einen Downsizing-Experten, Prototyp des überzeugten Bindungslosen, der durchs Land jettet, aus dem Koffer lebt und Vorträge darüber hält, wie viel besser ein Leben ohne materiellen und emotionalen Ballast ist. Die Frauen um ihn missbilligen seinen Lifestyle mehrheitlich. Ausser der Geschäftsfrau Alex, die genauso selbstbewusst und smart wie er das bindungsfreie Leben zelebriert und mit der er eine unverbindliche Affäre beginnt.

Der Film hat ein paar schöne Momente. In einer Szene muss Clooney seinen zukünftigen Schwager, der in der Nacht vor der Hochzeit kalte Füsse gekriegt hat, dazu bringen, doch noch vor den Traualtar zu treten. «Ich sah schon alles vor mir, wie ich heirate, ein Haus kaufe, ein Kind kriege, dann ein zweites, Weihnachten, Thanksgiving, Schulabschluss, Enkelkinder. Ich sagte mir: das kann es doch nicht gewesen sein!», meint der Schwager. Das spricht Clooney natürlich aus dem Herzen, aber weil er den Schwager überzeugen muss, sagt er: «Sie haben recht. Aber denken Sie mal an die wichtigsten Momente in ihrem Leben. In wie vielen davon waren sie alleine?»

Das stimmt versöhnlich, denn natürlich ist der Neid auf die Kinderlosen ziemlich kindisch. Niemand, den ich kenne, möchte zurück und missen, was die eigenen Kinder ihm geben. Freiheit mag schön sein, aber neues Leben zu begleiten, ist down to earth. George Clooney überzeugt im Film übrigens nicht nur den Schwager, sondern auch sich selbst. Er realisiert, dass er Alex liebt, dass er Verbindlichkeit möchte und wartet ihr auf, um ihr das zu gestehen. Als als er vor ihrer Haustür steht, erweist sich, dass sie einen Mann und eine Familie hat. Der arme Clooney steht also alleine da, kann nicht landen und ist zu seinem Dasein in der Luft verdammt. Aber der poetischen Gerechtigkeit sei hier versichert: es gibt auch wichtige Momente im Leben, in denen man alleine ist.

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Nicole Althaus am Montag den 15. März 2010

Der Niedergang der Sekundarstufe

SCHWEIZ HORGEN SEKUNDARSCHULE

Zum sozialen Zündstoff kommt nun noch der Lehrkräftemangel hinzu: Blick in eine Zürcher Sekundarstufe. (Bild: Keystone)

Man wird ja in der Schweiz gern angeschossen, wenn man Kritik an der Sekundarstufe übt. Nicht weil die  Oberstufe ohne Fehl und Tadel wäre, sondern weil das duale Bildungssystem mit der Berufslehre neben der universitären Ausbildung  in diesem Land fast ebenso identitätsstiftend ist wie Willhelm Tell. Ja, das Modell Sekundarschule und Berufslehre gilt als einer der Erfolgsfaktoren der Schweizer Wirtschaft. Und das wohl nicht zu unrecht.

Umso tragischer, dass die  Sekundarschule in den Augen vieler Eltern heute nicht mehr als Wunsch-Bildungsziel für den Nachwuchs gilt. Der soll, wenn irgend möglich, ins Gymi.  Man erklärt dieses Phänomen gern mit der übertriebenen Bildungsangst der Eltern in Zeiten der Globalisierung. Oder aber mit dem erzieherischen Optimierungstrend, der die ersten Karriereschritte ins Kinderzimmer vorverlegt hat. Beides mag durchaus seinen Teil zur Konjunktur der Gymnasien beigetragen haben. Allein aber erklären sie nicht, weshalb der Bildungswert der  Sekundarschule innerhalb einer einzigen Generation so massiv hat einbrechen können.

Seit mein eigener Nachwuchs eingeschult ist und ich mich zwangsläufig vemehrt mit unserer Volksschule beschäftige, glaube ich nicht mehr, dass diffuse,  theoretische Ängste die Eltern in die Arme von Lernstudios oder privaten Oberstufen treiben, sondern vielmehr ganz konkrete Einblicke in eine Bildungsstufe, die fast nur noch negative Schlagzeilen generiert: Der Schlägertrupp, der im vergangenen Dezember in Luzern die Polizei auf Trab hielt, bestand aus Sekundarschülern aus Luzerner Agglomerationsgemeinden. Die Jugendlichen, die sich in Wädenswil im Sommer letztes Jahr an einem Mädchen vergriffen, besuchten die Oberstufe in der Seegemeinde. Die brutalen Schläger von der Goldküste hatten vor kurzem  die dortige Oberstufe abgeschlossen. Man könnte diese Liste beliebig verlängern.

Die Sekundarschulhäuser, einst Ausgangspunkt einer typischen Schweizer Berufskarriere, sind zu Problemschulen geworden. Zum sozialen Zündstoff kommt nun noch ein personeller Notstand dazu: Der Schweiz fehlt es an Oberstufenlehrkräften. Um die Auflösung von Sek-Klassen zu verhindern, stellen die Behörden aller Kantone vermehrt Primarlehrerinnen ein, die für diese Aufgabe nicht ausgebildet sind. Laut «NZZ am Sonntag» besitzt in den Kantonen Luzern und Solothurn ein Drittel der Oberstufenlehrkräfte kein Sekundarlehrerpatent. Im Kanton Zürich steht jeder achte Lehrer oder Lehrerin ohne entsprechende Ausbildung vor einer Sekklasse. Mit fatalen Konsequenzen: Die Lehrer sind stofflich überfordert, sie kämpfen häufig mit massiven Disziplinarproblemen – gerade weil die unerfahrenen Einsteigerinnen und Einsteiger gern in die unbeliebten Niveau B und C-Klassen gesetzt werden, welche die erfahrenen Lehrer nicht übernehmen wollen. Und sie hängen ihren Beruf bald wieder an den Nagel. «Eine Primarlehrkraft in der Sekundarschule», lässt sich Anton Strittmatter vom Schweizer Lehrerverband zitieren,  «das kann im Einzelfall gutgehen.» Im heutigen Ausmass sei das aber hochproblematisch. «Es droht ein massiver Einbruch der Schulqualität.» Entspannung ist nicht absehbar. Im soeben erschienen Bildungsbericht jedenfalls ist zu lesen, dass «sämtliche pädagogischen Hochschulen zusammen nicht genügend neue Lehrkräfte ausbilden, um den Bedarf längerfristig zu decken.»

Das sind keine Worte, die Eltern ermuntern, stoisch an die Oberstufe zu glauben, den Kern des dualen Bildungssystems.  Und ehrlich: Wer kann bei solchen Voten von Seiten der Schulbehörden, Eltern nicht verstehen, die alles daran setzten, ihr Kind erfolgreich durch die Gymiprüfung zu lotsen?

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Michèle Binswanger am Freitag den 12. März 2010

Die Magie der Geschichten

MAMABLOG-UNENDLICHE-GESCHICHTE

Erzähl mir was! Szene aus «Die unendliche Geschichte».

Manchmal ist es ein Mysterium. Wenn Kasperli zum siebenunsechzigsten Mal «Tra, tra, tralala» aus dem Kinderzimmer trällert, wenn die Räuber Joggel und Toggel sich zum dreiundsiebzigsten Mal mit dem Knüppel aufs Dach geben, fragt man sich zuweilen, ob das Kind vielleicht in der Endlosschleife gefangen ist und Hilfe braucht. Aber das sind unnötige Befürchtungen. Denn Kinder brauchen nicht nur Geschichten. Sie müssen Sie immer und immer wieder hören, damit sie ihre Magie entfalten können.

Vor ein paar Monaten schrieb ich hier über den Religionsunterricht in der Schule meiner Tochter, worauf sich eine epische Diskussion über Sinn und Zweck dieses Fachs entspannte. Man fürchtete, die Kinder würden dort indoktriniert, obschon dort hauptsächlich Geschichten erzählt werden. Ein Kommentator bemerkte darauf: «Die Schule ist doch nicht dazu da, Geschichten zu erzählen. Schon gar nicht solche, die ideologisch aufgeladen sind.»

Ist das wirklich so? Sind Geschichten wirklich nichts anderes als Kinderkram und haben in der Schule, die Fakten, die Wahrheit über die Welt vermitteln soll, nichts verloren?

Wohl kaum. Zunächst sind Geschichten natürlich ein hervorragendes didaktisches Instrument. Zahlreiche Studien haben ergeben, dass sie die Fantasie fördern und die Sprachfähigkeit bei Kindern beflügeln. Im erzieherischen Kontext liefern sie Vorbilder und geben den Kindern Muster an die Hand, wie sie die Welt verstehen können – vom tapferen Kasperli bis zum mutigen Harry Potter. Aber Geschichten können noch viel mehr. Gerade die komplexen Zusammenhänge dieser Welt lassen sich dadurch hervorragend vermitteln, und nicht zuletzt lassen sich auch Fakten leichter einprägen, wenn sie in eine Geschichte verpackt sind. Mutter, eine Kinderpsychologin, redete beispielsweise zu Hause dauernd von paradoxen Interventionen. Ich fragte sie, was das bedeute. Und anstatt mir einen Vortrag zu halten, erzählte sie mir folgende Geschichte: Ein Bauer und sein Sohn versuchten, ein Pferd in den Stall zu bringen, welches partout nicht wollte. Der Sohn zog, der Vater schob, das Pferd stemmte die Hufe in den Boden, Sohn und Vater mühten sich ab, aber das Pferd bewegte sich keinen Millimeter. Da hatte der Sohn eine Idee. Er hörte auf zu ziehen, ging um das Pferd herum zum Vater hinter das Pferd und zog es, statt zu schieben, am Schwanz. Das Pferd machte einen Satz nach vorne und landete im Stall. Ich habe es bis heute nicht vergessen.

Vielleicht brauchen auch die Schulen, um die immer komplexeren Aufgaben zu bewältigen, die ihnen gestellt werden, eine paradoxe Intervention. Vielleicht braucht es, um mehr Wissen zu vermitteln, weniger Fakten, dafür mehr Geschichten – zumindest auf der Primarstufe. Natürlich werden Hardliner angesichts eines Plädoyers für solche Soft Skills nun fürchten, wir züchteten so eine neue Generation nutzloser Geisteswissenschaftler heran. Ich glaube, diese Sorge ist unbegründet. Denn tatsächlich sind ja letztlich auch die Fakten, auf die unser Verständnis der Welt gründet, jedes geistesgeschichtliche Paradigma, nichts anderes als eine Erzählung. Und vielleicht läge gerade im Geschichtenerzählen ein Potenzial, die vielen komplexen Aufgaben, mit denen die Volksschule heute konfrontiert ist, zu bewältigen.

Oder was meinen Sie?

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Michèle Binswanger am Donnerstag den 11. März 2010

Die Gefahr als Gefährtin

MAMABLOG-GEFAHR

Sicherheit ist erstens relativ und Gefahren sind zweitens pädagogisch mindestens so wertvoll, wie Holzspielzeug: Nach oben strebende Buben.

Selbst nicht ohne Fehl und Tadel, werf ich jetzt trotzdem einfach mal einen Stein, in der Hoffnung, dass es ordentlich scheppert. Immer wieder sagen mir Leute von ausserhalb, wir lebten hier im Paradies. Ja. Und es wird geprägt von Sicherheitsneurosen, Regulierungszwängen und der Angst vor Kontrollverlust. Es ist erbärmlich. Wir fürchten uns zu Tode. Das betrifft auch und vor allem unsere Kinder. Auf jedem Made-in-China-Spielzeug, das in die Bucht des Kinderzimmers gespült wird, wird vor der tödlichen Gefahr gewarnt, die verschluckbare Kleinteile mit sich bringen können. Will ich mit meinen Kindern in ein Auto einsteigen, muss ich zwei Kindersitze bei mir führen – was auch für Big Bags eine unzumutbare Herausforderung ist. Natürlich möchten wir unsere Kinder beschützen. Aber Sicherheit ist erstens relativ und Gefahren sind zweitens pädagogisch mindestens so wertvoll, wie Holzspielzeug. Kinder müssen lernen, sie zu meistern und Vertrauen in ihre Umwelt zu entwickeln. Wenn wir die totale Sicherheit wollen, tragen wir bald alle solche Jacken, wie Helge Schneider sie in einem Sketch beschreibt: erst eine Schicht Schweinefamilie, dann Beton, dann 40 cm Amalgan, etwa ein Kubikmeter Daunen, dann apfelsinenfarbene Zellulose, Gehacktes drum herum und dann ein Zirkuszelt von Zirkus Krone mit zwei Löchern für die Beine. Wollen wir das?

Nein.

Deshalb hier vier gefährliche Dinge, die sie ihre Kinder tun lassen sollten.

1. Wege machen. Je älter die Kinder werden, desto mehr vergrössert sich ihr Mobilitäts- Radius. Das sollte man ihnen zutrauen und zugestehen. Also nicht, wie ich, sich als lebendes Sprungtuch unter seinen Dreikäsehoch werfen, nur damit er niemals den Asphalt küsst. Und sie später auch nicht überall herumkarren. Kinder müssen ihrem Alter entsprechend ihre Wege alleine machen lernen, sei das in die Schule, die Klavierstunde oder zur Grossmutter. Ein Schritt, der wohl vielen Eltern schwer fällt, aber notwendig ist, damit die Kinder ihren eigenen Weg finden. Mit jedem Schritt, den sie alleine tun, erobern sie die Welt, die dereinst ihnen gehören wird.

2. Mit einem Taschenmesser spielen. Messer und Kinderhände sind zwar eine gefährliche Allianz – meine sind heute noch gezeichnet von zahlreichen kindlichen Versuchen, mir eine Flöte zu schnitzen. Aber Messer sind auch toll. Man kann Stöcke zuschnitzen, Bäume ritzen, Dinge herstellen. Kinder begreifen unmittelbar, dass das archaische Werkzeug eine spezielle Handhabe erfordert, die wiederum durch ein paar simple Regeln vermittelt werden kann: schnitze von dir weg, mach das Messer nach Gebrauch zu, richte es nicht gegen andere.

3. Bäume besteigen. Bäume sind etwas Schönes. Sie zu besteigen macht Spass und erweitert den Horizont. Jeder nach seinen Möglichkeiten und Grenzen. Hoch oben im Baumwipfel wird auch dem Verwegensten klar, dass das gefährlich ist. Dass er wissen muss, was er jetzt tut. Das zu schaffen, die Gefahr zu überwinden und heil wieder herunterzukommen – diese Erfahrung sollte jedem Kind vergönnt sein.

4. Grenzen überschreiten. Eine heikle Angelegenheit. Schliesslich fusst jegliche Erziehung auf dem Konzept, Grenzen zu setzen und den Nachwuchs dazu zu bringen, sie einzuhalten. Meistens haben die Grenzen einen Sinn und Zweck. Nun wachsen Kinder aber heran und überschreiten sie dabei notwendigerweise. Und wir Erzieher sollten das zulassen. Zusehen, dass die Vernunft nicht gleich über die Planke schreitet, das ja. Aber letztlich gehören gewisse Grenzüberschreitungen zu den lehrreichsten Erfahrungen überhaupt.

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