Michèle Binswanger am Donnerstag den 11. März 2010

Die Gefahr als Gefährtin

MAMABLOG-GEFAHR

Sicherheit ist erstens relativ und Gefahren sind zweitens pädagogisch mindestens so wertvoll, wie Holzspielzeug: Nach oben strebende Buben.

Selbst nicht ohne Fehl und Tadel, werf ich jetzt trotzdem einfach mal einen Stein, in der Hoffnung, dass es ordentlich scheppert. Immer wieder sagen mir Leute von ausserhalb, wir lebten hier im Paradies. Ja. Und es wird geprägt von Sicherheitsneurosen, Regulierungszwängen und der Angst vor Kontrollverlust. Es ist erbärmlich. Wir fürchten uns zu Tode. Das betrifft auch und vor allem unsere Kinder. Auf jedem Made-in-China-Spielzeug, das in die Bucht des Kinderzimmers gespült wird, wird vor der tödlichen Gefahr gewarnt, die verschluckbare Kleinteile mit sich bringen können. Will ich mit meinen Kindern in ein Auto einsteigen, muss ich zwei Kindersitze bei mir führen – was auch für Big Bags eine unzumutbare Herausforderung ist. Natürlich möchten wir unsere Kinder beschützen. Aber Sicherheit ist erstens relativ und Gefahren sind zweitens pädagogisch mindestens so wertvoll, wie Holzspielzeug. Kinder müssen lernen, sie zu meistern und Vertrauen in ihre Umwelt zu entwickeln. Wenn wir die totale Sicherheit wollen, tragen wir bald alle solche Jacken, wie Helge Schneider sie in einem Sketch beschreibt: erst eine Schicht Schweinefamilie, dann Beton, dann 40 cm Amalgan, etwa ein Kubikmeter Daunen, dann apfelsinenfarbene Zellulose, Gehacktes drum herum und dann ein Zirkuszelt von Zirkus Krone mit zwei Löchern für die Beine. Wollen wir das?

Nein.

Deshalb hier vier gefährliche Dinge, die sie ihre Kinder tun lassen sollten.

1. Wege machen. Je älter die Kinder werden, desto mehr vergrössert sich ihr Mobilitäts- Radius. Das sollte man ihnen zutrauen und zugestehen. Also nicht, wie ich, sich als lebendes Sprungtuch unter seinen Dreikäsehoch werfen, nur damit er niemals den Asphalt küsst. Und sie später auch nicht überall herumkarren. Kinder müssen ihrem Alter entsprechend ihre Wege alleine machen lernen, sei das in die Schule, die Klavierstunde oder zur Grossmutter. Ein Schritt, der wohl vielen Eltern schwer fällt, aber notwendig ist, damit die Kinder ihren eigenen Weg finden. Mit jedem Schritt, den sie alleine tun, erobern sie die Welt, die dereinst ihnen gehören wird.

2. Mit einem Taschenmesser spielen. Messer und Kinderhände sind zwar eine gefährliche Allianz – meine sind heute noch gezeichnet von zahlreichen kindlichen Versuchen, mir eine Flöte zu schnitzen. Aber Messer sind auch toll. Man kann Stöcke zuschnitzen, Bäume ritzen, Dinge herstellen. Kinder begreifen unmittelbar, dass das archaische Werkzeug eine spezielle Handhabe erfordert, die wiederum durch ein paar simple Regeln vermittelt werden kann: schnitze von dir weg, mach das Messer nach Gebrauch zu, richte es nicht gegen andere.

3. Bäume besteigen. Bäume sind etwas Schönes. Sie zu besteigen macht Spass und erweitert den Horizont. Jeder nach seinen Möglichkeiten und Grenzen. Hoch oben im Baumwipfel wird auch dem Verwegensten klar, dass das gefährlich ist. Dass er wissen muss, was er jetzt tut. Das zu schaffen, die Gefahr zu überwinden und heil wieder herunterzukommen – diese Erfahrung sollte jedem Kind vergönnt sein.

4. Grenzen überschreiten. Eine heikle Angelegenheit. Schliesslich fusst jegliche Erziehung auf dem Konzept, Grenzen zu setzen und den Nachwuchs dazu zu bringen, sie einzuhalten. Meistens haben die Grenzen einen Sinn und Zweck. Nun wachsen Kinder aber heran und überschreiten sie dabei notwendigerweise. Und wir Erzieher sollten das zulassen. Zusehen, dass die Vernunft nicht gleich über die Planke schreitet, das ja. Aber letztlich gehören gewisse Grenzüberschreitungen zu den lehrreichsten Erfahrungen überhaupt.

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Nicole Althaus am Mittwoch den 10. März 2010

Die traurige Konjunktur der Kindsmörderin

SCHWEIZ HORGEN

Auch die Mütter, die zu Mörderinnen werden, tragen oft ein idealisiertes Bild des trauten Familienlebens in sich: Das Mehrfamilienhaus (rechts), in dem in der Nacht auf Heiligabend zwei siebenjährige Kinder getötet wurden, aufgenommen am Dienstag, 25. Dezember 2007, in Horgen ZH. (Bild: Keystone)

Es gibt keine schlimmere Tat als die Tötung oder brutale Misshandlung von wehrlosen Kindern. Und das traurigste daran ist: Sie hat Konjunktur. Der Mord am eigenen Nachwuchs ist zum alltäglichen Verbrechen geworden.  So alltäglich, dass ein Maskulinist einen ganzen Blog mit den tragischen Fällen von Kindsmörderinnen in Deutschland füllen kann. So alltäglich, dass in der Schweiz zwischen 1980 und 2004 jedes 11. Tötungsopfer ein Kind war. Letzte Woche noch war die Tötung eines fünfjährigen Buben in einem Hotelzimmer in Winterthur das Hauptgesprächsthema. Diese Woche bereits werden zwei Fälle von Kindstötung, die vor Gericht verhandelt werden, das tragische Ereignis von letzter Woche aus dem medialen Radar verdrängen: Am Montag beurteilte das Bundesgericht das Strafmass der Mutter aus Dietikon, die 2003 ihren Freund nicht daran hinderte, das gemeinsame Kind zu Tode zu quälen. Heute, Mittwoch, steht die mutmassliche Kindsmörderin von Horgen vor dem Zürcher Geschworenengericht, die in der Nacht auf den Heiligen Abend 2007 ihre achtjährigen Zwillinge erstickt haben soll. Die Frau bestreitet die Tat.

Zwar wird Kindstötung laut Bericht der NZZ in Schweizer Kriminalstatistiken nicht ausgewiesen, doch dank der Datenbank über Schweizer Tötungsdelikte kennt man heute einige wichtige Fakten: Jedes elfte Tötungsopfer ist ein Kind im Alter bis 15 Jahre, jedes dritte Opfer ist ein Säugling, 9 von 10 Tötungsdelikte werden innerhalb der Familie begangen, zu 94 Prozent ist ein Elternteil Täter, in der klaren Mehrheit (63 Prozent) wird die Mutter zur Mörderin.

Damit unterscheidet sich der Kindsmord stark von allen anderen Morden, wo nur 10 Prozent auf das Konto einer Täterin gehen. Dass Kindsmörderinnen häufiger sind als Kindsmörder, gilt auch für Deutschland und Amerika, ja wahrscheinlich für die meisten Länder.  Eine Tatsache, die in den letzten Jahren von Männer- und Vätergruppen gerne als Beweis dafür genommen wird, dass es falsch sei, den Frauen automatisch die engere und damit schützendere Verbindung zu unterstellen. Tatsächlich bröselt der hartnäckige Mythos, Mutterliebe sei eine naturgegebene Kraft, die ein Baby automatisch vor Bösem bewahrt. Am Tag der Geburt ist das Risiko eines Säuglings, von der Mutter getötet zu werden, am höchsten. Erst nach der Geburt wächst die mütterliche Bindung. Diese Erkenntnis war überfällig. Der nüchterne Blick auf mordende Mütter hilft gängige Mythen zu zerlegen.

Nur reicht es nicht, zwar das Bild der Mutter als Inkarnation des Guten zu beerdigen und dafür das Gegenstück der Monster-Mutter zu exhumieren. Die altertümliche Medea also oder die mittelalterliche Hexe.  Eine Verlockung, die im Fall der Horgener Kindstötung besonders gross ist, da der zuständige Gerichtspsychiater ihr eine nur leichtgradig eingeschränkte Schuldfähigkeit attestiert. Eine Verlockung auch, weil  die Frau sich offenbar zwei Liebhaber gehalten und sich damit sowieso schon von der gesellschaftlichen Vorstellung einer guten Mutter verabschiedet hatte. Zu gern möchte man den Fall einordnen und damit weit von sich schieben. Die Forschung allerdings zeigt, dass solchen Fällen weder mit der Kategorie «asoziales Milieu» noch mit der Schublade «Geisteskrank» beizukommen ist. Kindsmörderinnen  kommen in den besten Kreisen vor und nur etwa 10 bis 15 Prozent der Täterinnen töten in psychischen Krisen. Die Gefühle, die Frauen in der Mutterrolle in Abgründe führen, sind sehr viel komplexer.

Vor Gericht zeigt sich dann oft das Drama von Frauen, die von der Mutterschaft  eine Lösung ihrer Identitätsprobleme erwartet hatten. Sie hofften auf Nähe und Bestätigung. Und fühlten sich einsam und zurückgewiesen. Die Mutterschaft erweist sich in diesen Fällen als tragisches Missverständnis. Aus dem es kein Entrinnen gibt. Zwar müssen Väter heute sehr viel mehr leisten als früher, um als gute Väter gelabelt zu werden. Aber: Rabenväter und Gluckenvatis, Schlampenpapas und Teilzeitdaddys gibt es nicht. Die Vaterrolle kennt viele individuelle Ausgestaltungsmöglichkeiten. Zum Glück. Die Mutterrolle dagegen ist auch heute noch weniger individuelle Kür als vielmehr kollektive Pflicht. Wie  kaum eine andere Rolle in dieser Gesellschaft wird sie moralisch überwacht und bewertet. Und auch die Mütter, die zu Mörderinnen werden, tragen oft ein idealisiertes Bild des trauten Familienlebens in sich.

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Zeichen der Trauer am Tag nach dem Tod der Kinder in Horgen ZH.

Nicht umsonst teilen fast alle Kindsmörderinnen laut Forschung das Gefühl des radikalen Alleingelassenseins, der Entwurzelung, der Auswegslosigkeit. Auffällig häufig steht hinter der Schreckenstat die Absicht, das Kind vor etwas vermeintlich Bösem zu bewahren. Vor dem Vater. Vor einer Pflegefamilie. Vor der Vormundschaftsbehörde. Dieses Missverständnis der Mutterschaft verstehen und ergründen zu wollen, heisst nicht, die Täterinnen von der Verantwortung freizusprechen. Die Gesellschaft muss die Verantwortung bei den Mörderinnen belassen und sie angemessen bestrafen.

Aber sie sollte dafür sorgen, dass Mutterschaft nicht mehr so häufig mit Auswegslosigkeit verbunden wird. Indem sie zulässt, dass über zwiespältige Muttergefühle gesprochen wird. Indem sie postnatale Depression enttabuisiert und Mutterschaft nicht als strahlendes Schaulaufen mit Baby inszeniert. Dann nämlich wäre es für die verzweifelten Mütter am Abgrund einfacher, sich einzugestehen, dass sie am Abgrund stehen, Hilfe brauchen und sich diese auch zu suchen. Oder was denken Sie?

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Nicole Althaus am Dienstag den 9. März 2010

Happy Birthday, Mamablog!

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Der Geburtstag ist wichtig. Nicht das Alter. Marilyn Monroe am 1. Juni 1956.

Unser Baby feiert heute seinen ersten Geburtstag. Und das erste Mal, das man ein Kind und sein junges Leben feiert, ist auch für die Eltern, speziell für die Mamas, etwas Besonderes: Weil man sich wieder an die letzten Tage der Schwangerschaft erinnert, an die Stunden im Kreissaal, an die ersten Wochen als Mutter, in denen man sich noch so fremd fühlte im Mutterkörper und in dieser neuen Rolle, in der man plötzlich wissen sollte, was dieses kleine Ding so braucht, und keine Ahnung hatte, woher  um alles in der Welt man sich denn dieses Wissen beschaffen sollte.

Nun, es ging mir als Co-Autorin dieses Blogs ein bisschen wie als Mutter meiner Kinder: Ich kannte die Leitplanken, die ich setzen wollte. Darüber hinaus  wusste ich wenig. Anfänglich nicht einmal, wie ich das hungrige Kind denn stillen könnte. Ich liess mich von der Entwicklung des Babys überraschen und passte mich ihm so gut ich konnte an. Ich hatte ein paar Sorgen, ja, auch ein paar schlaflose Nächte.

Überrascht hat mich in den 365 Tagen, und nach 260 Artikeln und über 23′000 Kommentaren vieles: Ein bisschen, wie schnell unser Baby laufen gelernt hat. Immer wieder, wie breit die Themenpalette in einem Elternblog sein kann, wenn man das Laufgitter herkömmlicher Erziehungstipps verlässt. Ziemlich verblüfft war ich über das Medienecho, das der Blog ausgelöste. Die ersten Interviewer vor einem Jahr fragten mich noch unverholen, ob Mamathemen den wirklich interessant genug seien für einen täglichen Blog. Heute fragen sie Professorinnen, warum ein täglicher Blog von und über Mütter ein solches Echo auslösen kann. Am meisten aber hat mich überrascht, wie stark der Geschlechterdiskurs in den Kommentaren stets hervorbricht. Und das nachdem auf Redaktionen  jahrelang nur müde gegähnt wurde, wenn jemand ein Thema in diese Richtung vorgeschlagen hat.

Klar ist: Ohne seine vielen aktiven Mitschreibenden wäre der Mamablog heute nicht, was er ist. Deshalb möchten wir an dieser Stelle Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, herzlich danken. Fürs Lesen, fürs Mitdiskutieren, fürs Kritisieren.

Sorgen bereitet mir, dass einige wenige Kommentierende es immer wieder schaffen, eine konstruktive Diskussion zu torpedieren, indem sie unter der Gürtellinie auf einzelne Teilnehmer schiessen.  Ich weiss, dass das auf dem Netz gang und gäbe ist. Und dass man das Problem mit der Spamstrafe lösen kann. Doch noch bin ich überzeugt, dass es auch anders geht. Stolz bin ich auf den Mamablog nämlich dann, wenn er zum gegenwärtigen gesellschaftlichen Diskurs etwas beiträgt. Ja, das sind hohe Ansprüche, die ich stelle. Aber man soll als Mutter an das Potenzial der eigenen Kinder glauben.

So und jetzt genug der mütterlichen Nostalgie und des erzieherischen Moralins. Schliesslich soll man Kindern, die laufen gelernt haben, genug Freiraum einräumen, um sich weiterzuentwickeln. Diesen Freiraum möchten wir dem Mamablog gewähren, indem wir ihn öffnen und den Leserinnen und Lesern eine Carte Blanche anbieten. Schreiben Sie im zweiten Jahr am Mamablog mit. Stellen Sie Ihre Themen, Beobachtungen, Erfahrungen hier zur Diskussion! Die Redaktion wird die Texte sichten, auswählen und publizieren.

Texte ( zwischen  1800-2500 Zeichen) an  mamablog@newsnetz.ch

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Nicole Althaus am Montag den 8. März 2010

Cougar, MILF und andere Sex-Schubladen

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Auf freier Wildbahn: Cougar Demi Moore, 47, mit Beutestück Ashton Kutcher, 32. (Bild: Reuters)

Haben Sie auch eine MILF zuhause, lieber Leser? Eine Frau oder Freundin, die so gut aussieht, dass sie trotz Kindern noch begehrenswert ist?  Gratuliere – dann sind sie auf der Höhe der Zeit! Das Wort ist in aller Munde, viele Mamablogs führen eine MILF-Abteilung und obwohl die Abkürzung  aus der Pornoindustrie stammt und für «Mothers I’d like to fuck» steht, sind nicht wenige Mütter stolz, in die MILF-Schublade gesteckt zu werden. Viele Frauen finden es auch unglaublich sexy, dass die 40+-Frauen sich nun endlich in der Jugendabteilung bedienen, wenn ihnen nach einem männlichen Gespielen ist.  Solche Frauen nennt man  «Cougar», Berglöwin. ROAR!

Nun kann man es natürlich durchaus als Fortschritt empfinden, dass man Frauen auch postpartum als sexuelle Wesen wahrzunehmen beginnt. Doch persönlich finde ich weder die Analogie Wildkatze noch das Konzept der MILF schmeichelhaft. Ich mag Berglöwinnen durchaus und habe auch nichts gegen attraktive Mütter. Aber ich habe etwas dagegen, wenn man Frauen linguistisch markiert und kategorisiert, nur weil sie sexuell aktiv sind.  Und das auch noch als weiblichen Befreiungsakt verkauft.

«Botox war gestern, heute gibts Boytox» – feierte die SonntagsZeitung kürzlich den Cougar-Trend , der hautpsächlich aus Demi Moore und Madonna zu bestehen scheint. Jedenfalls sind es immer die beiden Damen, die zum Beweis herangezogen werden. Tatsächlich hat die Karriere des Labels «Cougar» 2005 begonnen, als Demi Moore, damals 42, den 27-jährigen Ashton Kutcher ehelichte.  Vier Jahre später, nämlich im April letzten Jahres, war die Sex-Raubkatze, die gern Frischfleisch verzehrt, in den USA bereits Hauptfigur einer Reality-Show und zum Konzept der ABC-Sitcom «Cougar Town» geworden. Darin spielt Courtney Cox eine frisch geschiedene 40-jährige Mama, die neben ihrem Fulltime-Job namens «Erhaltung der Schönheit» noch ein bisschen Sex hat. Mit jüngeren Männern.

Ich muss zugeben, dass ich eine Zehntelssekunde lang auch glaubte,  dieser neue Cougar-Trend -  für den neuerdings auch ausserhalb der Vereinigten Staaten eigene Dating-Plattformen eingerichtet und Kreuzfahrten organisiert werden sollen -  befreie die mittelalterliche Frau und Mutter endlich aus dem von Simone de Beauvoir im letzten Jahrhundert diagnostizierten «unsichtbaren Alter». Doch man muss wirklich nicht lange nachdenken, um den Trend bloss als Labelerweiterung des traditionellen Frauenbildes zu entlarven: Schön und sexy hat Frau zu sein. Und möglichst jung auszuschauen. Punkt. Neuerdings auch nach der Menopause. Viel hat sich also nicht geändert. Nicht mal die verbale Annäherung an die weibliche Sexualität. Auch im neuen Jahrtausend muss man sie offenbar noch  immer  ins Katzengehege sperren. Die Cougar ist, wenn wir ehrlich sind,  nichts weiter als eine Pussycat mit etwas schärferen Krallen. Was für ein emanzipatorischer Befreiungsakt. MIAU!

Ganz abgesehen von der Theorie ist mir auch schleierhaft, was an der Praxis von mittelalterlichen Frauen, die sich mit Jünglingen vergnügen, so heiss, so selbstermächtigend,  so befreiend sein soll, dass aufgeklärte Frauen die neue Katzenschublade plötzlich mitfeiern.  Weil reiche, mächtige, schöne Frauen nun tun, was  reiche, mächtige Männer schon lange tun? Erinnern wir uns doch kurz: Was genau denken wir Frauen jeweils, wenn ein mittelalterlicher Mann eine halb so alte dafür doppelt so attraktive Frau abschleppt?  Eben.

Traurig, wenn das Resultat von 40 Jahren Emanzipation darauf hinausläuft, dass Frauen den Männern alles nachmachen können, dürfen, sollen, solange sie dabei knackig und sexy aussehen. Finden Sie nicht?

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Michèle Binswanger am Freitag den 5. März 2010

Mama, was ist ein Junkie?

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Hey Baby, take a walk on the wild side! Der vermeintlich coole Junkie in der Form von Pete Doherty.

Kinder wollen es immer ganz genau wissen. Selbst wenn man es nicht so genau wissen kann. Zum Beispiel Sucht. Was es ist und wie wir sie davor bewahren sollen. Und ob man das überhaupt kann. Und so kam ich jüngst, als meine Kinder beim Anblick hohläugiger Junkies und rotgesichtiger Alkis am Bahnhof von mir wissen wollten, was Sucht ist, in Verlegenheit.

Das Thema übte auch auf mich immer schon eine gruselige Faszination aus und so warf ich mich beherzt in den Ring, um meinen Kindern die Sache zu erklären: «Sucht heisst, von etwas abhängig zu sein.» sagte ich.
«Was ist abhängig?» fragte die Tochter.
«Das ist, wenn man etwas unbedingt braucht und immer daran denkt, wenn man es nicht hat. Wie die Leute, die Heroin nehmen.»
«Warum nehmen sie es dann?»
«Zunächst sind sie vielleicht neugierig und finden es schön. Dann nehmen sie es wieder und wieder. Und bald schon brauchen sie es. Und wenn sie es nicht kriegen, sind sie ganz verzweifelt und kriegen Entzugserscheinungen.»
«Dann bin ich süchtig nach essen und trinken.» stellte der Sohn fest.
«Aber nein!» korrigierte ihn die Tochter. «Essen, trinken und atmen muss man. Das sind die einzigen Dinge, nach denen man nicht süchtig sein kann.»
«Man kann fast von allem süchtig werden, auch nach essen. Süchtig wird man, wenn etwas aus dem Gleichgewicht gerät.»
«Ah, ich weiss!» triumphierte der Sohn. «Du bist süchtig nach klettern.»
«Nein!» sagte die Tochter. «Das ist doch nicht Sucht!»

Schwieriger Fall.
«Ja, vielleicht ist das eine Art Sucht.», sagte ich. «Aber meistens geht es bei Abhängigkeit um Stoffe, die man zu sich nimmt. Alkohol ist ein gutes Beispiel. Ich trinke gerne Wein zum Essen und bin trotzdem nicht süchtig nach Alkohol. Aber wenn man viel trinkt und immer wieder, kann man abhängig werden.»
«Aber warum?» fragte die Tochter.
«Sucht ist eben nicht einfach Sucht. Es kommt ganz auf den Menschen an. Manche haben keine Probleme mit Konsum, andere konsumieren, weil sie Probleme haben. Manchmal ist es schwierig aufzuhören, manchmal weniger. Kommt ganz darauf an.»

Die beiden musterten mich, als hätte ich ihnen gerade die Heisenbergsche Unschärferelation zu erläutern versucht. Und so ungefähr fühlte ich mich auch. Oder um es mit Heisenberg zu sagen: «Die Wirklichkeit, von der wir sprechen können, ist nie die Wirklichkeit an sich, sondern eine von uns gestaltete Wirklichkeit.»

Meine Kinder werden also erst wissen, was Sucht ist, wenn sie es in der einen oder andern Form erfahren. Und gleichzeitig möchte man sie natürlich davor bewahren. Am besten traf es wohl Freund McQueen: «Wenn du mit ihnen über Sucht sprichst, musst du auch über Genuss sprechen», riet er mir. Recht hat er, denn in unserer Multioptionsgesellschaft geht es wohl weniger um Junkies als um den Umgang mit Verführung und den verantwortungsvollen Umgang damit.

Als Service hier noch die sieben Regeln, um Kinder gegen Suchterkrankungen zu wappnen:
1. Kinder brauchen seelische Sicherheit, aktive Liebe und Zuneigung von Erwachsenen. Weisen Sie Ihr Kind nicht zurück, wenn es in Ihre Arme will, versöhnen Sie sich, wenn es einlenken will.
2. Kinder brauchen Lob und Bestätigung. Sie brauchen das Gefühl, dass die Eltern ihre Persönlichkeit vorbehaltlos akzeptieren und ihnen etwas zutrauen.
3. Kinder brauchen Freiraum, um eigene Erfahrungen machen zu können.
4. Kinder brauchen realistische Vorbilder und Ehrlichkeit: Man muss auch zu den eigenen Süchten stehen können.
5. Kinder brauchen Bewegung und gute Ernährung.
6. Kinder brauchen Freunde und eine verständnisvolle Umgebung.
7. Kinder brauchen Träume und Lebensziele.

Lesen Sie auch: Mama, das Cüpli und der Feierabend-Joint
http://blog.tagesanzeiger.ch/mamablog/index.php/3684/sind-beschwipste-mutter-bessere-mutter/

Lesen Sie auch: Mama, das Cüpli und der Feierabend-Joint

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Michèle Binswanger am Donnerstag den 4. März 2010

Wie viel Platz braucht ein Kind?

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Möglicherweise eine nicht ganz artgerechte Haltung - Juxfoto von Kindern in einem Hundekäfig, publiziert im Internet.

Ich war noch jung und brauchte auch nicht besonders viel Geld, als ich dem Klischee erstmals ins Gesicht starrte. Es attackierte mich in Gestalt einer guten Freundin, kinderlos, überall dabei und über alles informiert. Ich war damals mit meinem zweiten Kind schwanger und teilte dies besagter Freundin mit. «Noch eins?» fragte sie mit süffisantem Grinsen. «Dann kommt als Nächstes bestimmt ein Auto, ein Haus und ein Hund.»

«Haha», dachte mein damaliges Ich, das Jahre damit zugebracht hatte, sich an seiner Unabhängigkeit und Einzigartigkeit und Freiheit von allen Konventionen zu berauschen. «Wir doch nicht», dachte es. «Dir werde ich zeigen, was eine moderne, urbane, ideologisch unabhängige Familie ist.»

Heute, fast sechs Jahre später, streitet die ideologisch unabhängige Familie am Küchentisch über Zimmeraufteilungen, Grünflächen und Haustiere. «Freiraum!» skandiert der Nachwuch kämpferisch. Und hört sich an, wie ein Echo der eigenen Jugend. Denn unsere Jugendstil-Stadtwohnung ist zwar gross und hell und hat geräumige Zimmer. Der Traum jedes urbanen, unabhängigen Individuums. Für eine vierköpfige Familie von Individualisten aber ist sie ungeeignet. Es gibt nicht genug Zimmer. Und keinen Garten. Die Tochter findet das jammerschade und gibt diesem Empfinden lautstark Ausdruck. Was nützt ein grosses, helles Zimmer, wenn man es sich mit einem lärmigen, kleinen Bruder teilen muss, die ja bekanntlich alle stinken? Der so verunglimpfte Bruder sieht das anders: Nicht er, sondern die Stadt stinkt. Er will aufs Land.

Nun ist es in einer Familie wie in der Politik: jeder verfolgt sein Einzelinteressen, man muss sich irgendwo finden, der Stärkere setzt sich durch. Und das sollten auch in einer modernen Familie immer noch die Eltern sein. Aber weil wir Eltern sind, fragen wir uns auch: Wie viel Platz braucht eigentlich ein Kind? Viel, klar, aber meine Frage bezieht sich nicht auf die Herzen oder den Geldbeutel, welche Kinder so nonchalant wie kompromisslos besetzen, sondern ganz konkret: Wie viel Quadratmeter brauchen wir? Müssen wir den Kindern ein eigenes Zimmer zur Verfügung stellen und wenn ja, ab welchem Alter?

Das ist ein Luxusproblem, zugegeben. Freiraum ist für Eltern ein begehrenswerter Luxus, weil er allen zugute kommt. Kinder gewinnen das Privileg, die Welt auf eigene Faust zu entdecken – die Eltern Ruhe. Die Frage ist, wie kann man sich diesen Luxus leisten? Und so hat die Tatsache, dass viele Familien dann doch aufs Land ziehen, letztlich nichts mit akuten Anfällen von Klischeehaftigkeit zu tun. Sondern ist auf banale, sprich monetäre Gründe zurückzuführen. Raum in der Stadt ist teurer als auf dem Land. Und neben Arbeit, Familie und ausgewählten Sozialkontakten, fehlt die Zeit für modernes, urbanes Herumhängen weitgehend. Zeit erfordert Organisation. Ob man nun auf dem Land oder in der Stadt wohnt.

Was meine Szenefreundin betrifft, so würde mein heutiges Ich ihr zurückgeben, dass Klischees mit dem Druck der Realität und der Zeit zu tun haben, die uns in gewisse Formen presst. Ein Kelch, der auch an ihr nicht vorübergegangen ist. Aber das lass ich sein. Ich habe schlicht keine Zeit mehr, mich mit ihr in der Stadt zu treffen.

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Nicole Althaus am Mittwoch den 3. März 2010

«Der Feminismus vergiftet das Klima»

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Szene aus dem Hollywoodfilm «Der Rosenkrieg»: Kathleen Turner und Michael Douglas zetteln aus Kränkungen einen Krieg an.

Der bekannte Bremer Soziologe  Gerhard Amendt sorgt regelmässig für Wirbel im  gängigen Geschlechter-Diskurs:  Er hat 2004 mit seiner grossen Scheidungsväterstudie die juristische Diskriminierung der Männer in der Familie zum Thema gemacht und letztes Jahr mit seiner Forderung, sämtliche Frauenhäuser zu schliessen, in Deutschland eine politische Debatte ausgelöst. Anlässlich seines Auftritts am  NZZ-Podium morgen Donnerstag, sprach der Mamablog mit Gerhard Amendt über Feminismus, Gender und das neue Arrangement der Geschlechter.

Gerhard Amendt, was ist das grösste Missverständnis zwischen Mann und Frau?

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«Als Erstes muss man die Gelder für Genderstudies streichen»: Gerhard Amendt.

Gerhard Amendt: Dass Männer meinen, sie müssten weiterhin die Frau versorgen. Und dass Frauen glauben, der Mann sei nur ein guter Vater, wenn er sich so verhält, wie sie sich als Mutter verhalten. An diesen Missverständnissen reibt sich vieles. Untersuchungen zeigen, dass Männer Frauen nicht diskriminieren wollen, sondern meinen, sie beschützen zu müssen. Wenn Frauen stets als Opfer beschrieben werden, setzt das paradoxerweise die tradierte Versorgermentalität von Neuem in Bewegung.

Ist an allem die Emanzipation schuld?

Man muss klar zwischen der Frauenbewegung und dem Feminismus unterscheiden. Die Frauenbewegung stand für die

Selbstermächtigung der Frau. Der Feminismus steht für das Gegenteil: Er macht alle Frauen zu Opfern und Männer kollektiv zu Henkern. Der Feminismus hat das Klima zwischen den Geschlechtern vergiftet. Diese Vergiftung können wir uns gesellschaftlich nicht mehr leisten. Wenn wir nur noch in Feindkategorien denken, wird der Wunsch nach Familie permanent desavouiert.

Wie kommt der Geschlechterdiskurs aus dieser Fixierung heraus?

Man muss aufhören in der biologischen Kategorie von Mann und Frau zu denken. Frau und Mann sind vielmehr soziale und psychologische Kategorien. Der Unterschied zwischen der Lebensrealität von Frauen und Männern in der Oberschicht und jenen in der Unterschicht sind heute viel grösser als der Unterschied zwischen der Lebensrealität der Geschlechter. Der Diskurs muss also die Probleme der Geschlechter schichtsspezifisch ins Auge fassen.

Was ist politisch zu tun?

Als Erstes muss man die Gelder für Genderstudies streichen. Diese Forschungsrichtung betreibt bloss Selbstbespiegelung, sie vermittelt keine Berufsqualifikation und trägt zur Problemlösung nichts bei. Die Geisteswissenschaften müssen vielmehr wieder zur Lösung von konkreten Problemen wie früher üblich zurückkehren. Zweitens sollen schrittweise sämtliche Frauenhäuser geschlossen und die Gelder in Zentren für Familien mit Gewaltproblemen investiert werden. Das habe ich den erfolgreichen Organisatoren des ersten Männerhauses der Schweiz als erstrebenswerte Perspektive vorgeschlagen. In Amerika setzen sich diese Familieninstitutionen durch, seit Untersuchungen bewiesen haben, dass Frauenhäuser den Frauen und Männern nicht helfen, im Gegenteil: Sie haben eine höhere Rückfälligkeit an Gewalthandlungen als andere neu entwickelte Institutionen mit neu konzipierten Hilfeverfahren.

Wie begegnen sich Frauen und Männer konstruktiv?

Beide müssen aus dem Zustand der Kränkung herauskommen. Und dann muss sich jedes Paar ganz konkret über Perspektiven unterhalten. Und zwar zu Beginn einer Beziehung. Darüber,ob man eine Familie gründen will und wie diese dann organisiert werden soll. Männer müssen sich fragen, ob sie es aushalten, wenn die Partnerin nicht nur ein bisschen zuverdient, sondern Karriere macht. Frauen müssen sich ehrlich hinterfragen, ob sie wirklich bereit sind, Verantwortung für das Einkommen zu übernehmen. Veränderungen können nur gemeinsam gemacht werden. Und Vereinbarungen nur individuell und abhängig von den konkreten Optionen des Paares getroffen werden. Das ist ein guter Anfang!

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