Jessica am Mittwoch den 30. Dezember 2009

Die liebe Reisekrankheit

Bevor man Südostasien betritt hört man schon viele Horror-Geschichten. Zumindest für mich sind es Horror-Geschichten. Geschichten von Busreisen, langen Busreisen. Von kotzenden Leuten, von Plastiksäcken im Bus, die herumgereicht werden, damit sich jeder darin entledigen kann. Von Kindern, die es nicht bis zum Plastiksack schaffen usw.

Nichts hat mich vor Kambodscha so beunruhigt wie diese Szenen. Und immer wenn ich mit vielen Ausländern einen Bus geteilt hatte, habe ich kurze Panikanfälle gekriegt, wenn sich jemand ruckartig bewegt hat, wenn sich jemand nach vorne setzte, wenn sich jemand hinlegte und wenn jemand auffällig bleich war oder viel hustete. Die Ausländer, dachte ich, die Ausländer sind sich die holprigen Strassen, die Schlaglöcherfahrten und die Sprungschanzen auf den Strassen nicht gewöhnt. Aber hoffentlich nicht in diesem Bus. Hoffentlich passiert es nicht in meinem Bus.

4 dl sind schon zuviel

Hätte ich damals gewusst, wie meine erste Erfahrung mit Reisekrankheit sein wird, hätte ich mir gewünscht, dass es in einem Reisebus dazugekommen wär – oder in einem Mini-Bus meinetwegen. Alles, nur nicht so, wie es jetzt gekommen ist.

Die Hochzeit in Pailin war ausfällig. Die 21-jährige Schwester des Bräutigams hatte am Fest zu viel Bier getrunken und wurde ziemlich übermütig. Getanzt hat sie wie eine aus einem Musikvideo – und geweint hat sie, als ihre Mutter wütend auf sie war, weil sie sich so hatte gehen lassen. Dabei waren drei Gläser Bier mit Eis alles, was sie getrunken hatte. Das waren nicht mehr als 4 Deziliter, da bin ich mir immernoch sicher. Aufjedenfall war es zuviel für sie und der Abend endete für sie im Haus, in der ersten und einzigen Etage, auf der Strohmatte liegend, in den Armen ihrer Schwester. Würgend, erbrechend, weinend und sich schämend. Hundertmal hat sie sich entschuldigt und ich habe hundertmal geantwortet, dass das jedem passieren würde einmal im Leben.

Sardinenbüchsen-Taxifahrt

Noch leicht traumatisiert vom Vorabend stiegen wir zu dritt ins Taxi. Wir hatten drei Personen angekündigt – und der Chauffeur hatte im kleinen grünen Toyota Camry-Fünfplätzer drei Plätze freigelassen. Kambodschanische Plätze. Die Rückbank war schon prallgefüllt. Nicht drei Leute, nicht vier Leute hinten. Sieben Leute hinten – ein Mann in der Mitte und drei Frauen links und rechts von ihm – jede Frau mit einem kleinen Kind auf dem Schoss. Unsere drei Plätze waren, wie gnädig, die vorderen drei Plätze. Zwei Leute auf dem Beifahrersitz, eine Kambodschanerin aus dem Studentenheim wo ich gewohnt hatte, und ich und der grossgewachsene aber dünne Mao auf dem Fahrersitz. Er durfte anlehnen, der Taxichauffeur hatte dreiviertel des Beinraums. Das scheint fair.

Die Holperfahrt begann gut. Bis meine Sitz-Kollegin sich ihren Mundschutz montierte. Wozu genau weiss ich nicht. Die Strasse war schon mehr Schlagloch und Strasse und wenn ein Auto vorneweg fuhr sah man nichts mehr wegen des Staubs. Aber im Auto drin war es fast so kalt wie in der Schweiz. DIe Klima-Anlage voll aufgedreht, wie es sich gehört.

Ein Albtraum wird wahr

Die Holperfahrt ging weiter gut. Bis sich meine Sitz-Kollegin umdrehte und mit dem Finger auf etwas zeigte. Der Mann reichte ihr die Taschentücher, dann, nachdem sie den Kopf schüttelte, den schwarzen Plastiksack. “Som chop”, flehte ich den Chauffeur in meinem besten khmer an – und zu meinem Glück hielt er an. Ich stürzte aus dem Wagen, meine Sitz-Kollegin hinterher. Den Rest kann man sich ja denken. Gottseidank hatten wir angehalten, dachte ich – wenn sie es nicht mehr nach draussen geschafft hätte, hätte es vielleicht die vielerzählte Kettenreaktion gegeben. Ich hätte wohl heute noch Albträume.

Noch 100 Kilometer hatten wir vor uns. In zweieinhalb Stunden seien wir in Battambang, erklärte mir der nette Mann hinten auf der Rückbank. Wir plauderten ein bisschen, er sich für sein schlechtes englisch entschuldigend, ich mich für mein praktisch-nicht-existierendes Khmer entschuldigend. Es war nett. Leider nicht so nett, dass ich das Würgen neben mir hätte überhören können. “Woman, no good”, meinte der Mann. Der Taxichauffeur warf uns einen Blick zu, blickte zu der “no-good-woman” rüber. Sie hatte sich nach vorne gebeugt und hat das getan, was sie tun musste. Er verdrehte die Augen und fuhr weiter.

Taxichauffeur ist ein toller Job, aber…

Ich konnte es nicht glauben. Wie kann man so ruhig bleiben, wenn sich eine Person einen Meter entfernt übergibt? Warum hielt er nicht an? Warum öffnete er nicht das Fenster, damit sie ihren Plastiksack entsorgen konnte? Nichts von allem geschah, auch nicht nach dem zweiten Mal und dritten Mal, dass sie sich noch übergab.

Besser wurde es auch nicht, als wir die geteerte Strasse erreicht hatten. Geschafft stieg ich aus. Sie auch und erst dann entsorgte sie die Plastiksäcke, die sie während der gesamten Autofahrt gehütet hatte. Wieso in diesem Auto? Und wieso die Kambodschaner? Die sollten sich diese Strassen doch langsam gewöhnt sein – müsste man meinen. Und was mich noch mehr beunruhigt: Hätte der Taxichauffeur auch so gelassen reagiert, wenn es nicht zu seinem Job gehören würde? Mit dieser Befürchtung werd ich mich besonders auf die nächsten Fahrten freuen…

Jessica am Donnerstag den 24. Dezember 2009

Abartiges Weihnachtsgeschenk

Weihnachten wird hier nicht gefeiert. Die Schüler haben nicht einmal frei. Alle arbeiten ganz normal – nur das Hotelpersonal erzeugt ein bisschen Weihnachtsstimmung, schon am Abend des 23. Dezembers. “If you give me a cadeau, I give you a cadeau.” Nein danke, dieses Jahr komm ich ganz gut ohne Weihnachten aus.

Australischen Frauen das Jammern verbieten

Trotzdem ist es schockierend zu erkennen, dass das Weihnachtsgefühl aus dem Westen überhaupt nicht angekommen ist in Battambang, auch wenn es zurzeit ziemlich viele Ausländer hat, die auf ihren Reisen hier halten. Auch diese denken nicht an Weihnachten, im Gegenteil. Knapp vor Mitternacht fragt ein knapp 40-Jähriger Australier nach Internet und spricht sich den Kummer von der Seele: er hätte eine Studie gelesen, wonach amerikanische Frauen 7 Jahre länger leben würden als amerikanische Männer. Zudem sei die Selbstmordrate bei den Männern fünfmal so hoch als die der Frauen. Er wolle überprüfen, ob die gleichen Zahlen auch für Australien zutreffen würden. Dann könnte er endlich den jammernden Frauen das Jammern verbieten – die Männer seien schliesslich die Armen. Ich höre zu – sage nichts. Dann fragt er mich nach meiner Meinung. Ich hätte keine Meinung dazu, sage ich. Ich fände es nur seltsam, dass man sich am Vorabend von Weihnachten Gedanken macht zu solchen Themen.

Zwei Männer beschenken sich selbst

Dann merke ich, dass ich Weihnachten doch ein bisschen vermisse. Gerne würd ich mit Familie und Freunden speisen, zusammensitzen und Geschenke austauschen. Fünf Minuten später – es ist gerade Mitternacht und so kalendermässig der 24. Dezember – kommt ein Moto angefahren. Eine sichtlich maskuline Frau lädt eine junge, hübsche Kambodschanerin ab und braust davon. Die Prostituierte sei stets sehr gesprächsfreudig, denn sie sei immer betrunken wenn sie arbeiten würde. Sie posiert vor uns, lächelt und holt sich den Schlüssel für das Zimmer, wo die nächsten Kunden warten.

Zwei Männer haben sie bestellt – ihr Weihnachtsgeschenk. Und in dem Moment wird mir bewusst, warum hier gar keine richtige Weihnachtsstimmung aufkommen kann.

Jessica am Donnerstag den 17. Dezember 2009

Streit auf offener Strasse

Nach zwei Wochen unfreiwilligem Heimaturlaub fällt die Abreise nicht leicht. Noch nie hatte ich mich in der Schweiz so wohl gefühlt – und während die erste Abreise geprägt war von Abenteuer-Gedanken und Neugierde, wusste ich jetzt auch, was mich erwartet in Südostasien. Mit einem Job ab 1. März in der Schweiz auf sicher und einem bevorstehenden Filmprojekt in Kambodscha gab es aber keine Ausrede und ich musste nochmal fliegen.

24 Stunden müssen reichen

Im Gegensatz zum ersten Mal hatte jedoch keinen Aufenthalt in Bangkok mehr eingeplant, denn Bangkok und ich werden wohl nie Freunde werden. Einen Abend und eine Nacht mussten reichen um mein grünes Kleid abzuholen, das ich mir vor zwei Wochen schneidern lassen hatte, mein Busticket für die Rückfahrt zu buchen und den Jet-Lag auszuschlafen.

Das Los dessen, der die wirklichen Preise kennt

Der Flughafen in Bangkok schien auch nicht mehr gross, denn ich wusste ja, wo ich ein Taxi kriegen konnte um in die Stadt zu fahren. Der erste Fahrer liess mich auch grad einsteigen und fuhr auf die Schnellstrasse. Jedoch weigerte er sich den Taximeter einzuschalten, wie es eigentlich üblich ist. Denn in Thailand ist es illegal ohne Taximeter zu fahren. In erster Linie deshalb, weil die Fahrer das Geld in die eigene Tasche stecken und nicht bei der Firma abbuchen. “You turn on taximeter?”, forderte ich ihn ein zweites und drittes und viertes Mal auf – ohne Erfolg. Stattdessen bot er mir eine Pauschale an. “I give you good price, 550 Baht.” Mit dem Vorwissen, dass die Fahrt mit Taximeter nicht mehr als 250 Baht kostet, und die Strassensteuer für die Autobahn nur 70 Baht beträgt, blieb ich stur. Schliesslich war ich schon einmal Tourist und bezahlte Wucherpreise. Ich: Taximeter? Er: No – no good time for taximeter, miss. Ich: Taximeter? – Er: No, too much traffic for taximeter, miss.

Rauswurf mitten auf der Autobahn

Als diese Konversation auch mich zu langweilen begann, musste eine neue Strategie her – es ging mir ja um den Preis um nicht darum, ihn vor illegalem Tun zu bewahren. 300 Baht würde ich bezahlen. Er beharrte auf 450 Baht und wollte, dass ich zusätzlich noch 100 Baht Roadtaxe bezahle. Ich erinnerte ihn daran, dass die Roadtaxe nur 70 Baht beträgt und dass ich nicht mehr als 400 zahle. Darauf hielt er mitten auf der Schnellstrasse an. Ich solle aussteigen.

Zwar hatte es nicht mehr so viel Verkehr, aber doch so viel, dass es lebensmüde gewesen wäre, auszusteigen. 400 Baht bot ich ihm ein zweites Mal. Er erwähnte die Roadtaxe und ich sagte “Roadtaxe inklusive.” Auch er hatte offensichtlich aufgegeben und fuhr weiter.

Ein Zeigefinger zum Anbeissen nah

“400 Baht inklusive” waren die letzen Worte, die in diesem Taxi fielen. Wir beide schwiegen die restlichen 30 Minuten. Dann endlich meine Strasse. Ich gab ihm die 330 Baht, die nach dem Bezahlen der Roadtaxe noch offen waren, nahm meinen Rucksack und stieg aus.
Da steht der wutentbrannte Taxichauffeur aber schon neben mir. “You give me 400 Baht”, schreit er und fuchtelt mit dem Zeigefinger so nah an meinem Gesicht herum, dass ich seinen Finger auch einfach abbeissen könnte. “I said I pay 400 Baht inklusive Roadtaxe”, versuch ich ihn zu beruhigen.

Südostasiatische Konfliktaustragung

Alles nützt nichts. Er schreit, ich versuche zu erklären. Er schreit, ich schweig. Er schreit, ich zuck mit den Schultern. Er schreit, ich lauf weg. Weil ich ihn ja eh nicht verstand, war es mir auch egal, was er mir hinterherrief. So löst man offenbar in Thailand Konflikte. Und von dem Moment an freute ich mich auf Kambodscha. Hier gibt es zwar auch Konflikte, doch die Kambodschaner schweigen sie tot, bis sie sich irgendwann von alleine lösen.

Jessica am Dienstag den 17. November 2009

Unfälle zum Spottpreis

Meinen ersten Parkschaden verursachte ich nur drei Wochen nach dem ich den Führerschein gemacht hatte. Immerhin war es nicht mein Auto. Aber ich trennte mich nur ungern von 600 Franken, denn mein Portemonnaie war nach all den Fahrestunden ohnehin schon überstrapaziert. Ich hatte diesen einen Kratzer als Anfängerfehler abgestempelt. Sowas würde mir nie mehr passieren.

Auch das leichteste Motorrad noch zu schwer

Mit dem Auto ist es mir auch nicht mehr passiert – aber nun mit dem Motorrad. Beim Kauf hatte ich mich extra für ein leichtes Modell entschieden, damit das, was mir nun trotzdem passiert ist, nicht passieren würde.

Ich steige auf das parkierte Motorrad auf und sitze mit leichter Rücklage auf der hinteren Sitzhälfte. Die Lenkstange kippt nach nachts, das Vorderrad berührt den Randstein und langsam, langsam kippen mein Motorrad und ich in Richtung Boden.

Landung im Abfall

Ich lande auf den Müllsäcken, das Motorrad stösst ein anderes Rad um und beide liegen ebenfalls da. Charmant wie Marc ist, hilft er zuerst den Motorrädern auf und wir stellen fest, dass das andere Motorrad einen Riss im Plastikgehäuse hat.

Es hätte wohl niemand bemerkt (und auch niemanden gestört), wenn wir einfach abgerauscht wären. Doch als NGO-Angestellte will man ja doch nicht so sein und ich gestehe das Malheur. Es ist das Motorrad eines Kollegen des Portiers und er will ihn fragen, wieviel es kostet.

Böse Erinnerungen

Mich holen böse Erinnerungen ein: 600 Franken bar auf die Hand der netten Dame für die Reperatur ihres Autos nach meinem ersten Parkschaden. Noch heute prangt der Kratzer an ihrem dunkelblauen Auto, weil ich es nicht über die Versicherung machen wollte. Schliesslich hatte ich sie erst drei Wochen zuvor abgeschlossen und die Prämie würde von der obersten Stufe aus steigen – wohin auch immer.

Würde der Schaden in Kambodscha nur die Hälfte kosten? Oder vielleicht sogar nur einen Drittel? Am Abend sagt der Portier, er habe seinen Kollegen noch nicht gefragt. Drei Tage später kommt er und sagt, dass das reparieren des Plastik drei Dollar kostet.

Ein Unfall pro Tag liegt finanziell drin

Drei Dollar! Das heisst, dass ich für das gleiche Geld wie für einen Kratzer in der Schweiz hier 200 Parkschäden verursachen könnte. 200 Parkschäden wären bei einem 6-monatigen Aufenthalt in Battambang ein Kratzer pro Tag und an 20 ausgewählten Tagen sogar zwei.

Würde ich zwei Tage unfallfrei überstehen, hätte ich sechs Dollar gespart und würde mir eine Massage gönnen.

Jessica am Freitag den 13. November 2009

400 Kilometer und ein anderes Leben

Urlaub im Urlaub. Noch nicht einmal zwei Monate bin ich in Kambodscha und schon gönn ich mir eine Woche Nichts-tun. Nicht, dass ich es hier nicht mehr ausgehalten hätte. Aber wenn man schon Besuch hat, dann sollte man zusammen eine Woche am Meer geniessen. Es ist ja nicht weit. Zwei Stunden Taxifahrt an die Grenze, vier Stunden mit dem Bus an die Küste und eine halbe Stunde mit der Fähre auf die Insel. Schon ist man auf Koh Chang.

C`est la vie!

Ich hatte keinen höheren Lebensstandard erwartet, als der, den ich hier in Kambodscha habe. Ich hatte mich damit abgefunden, dass Pizza in Südostasien ein Vermögen kostet, weil der Mozarella mehr kostet als zwei Mahlzeiten mit einheimischen Speisen. Und auch das Klopapier suche ich nicht mehr, weil ich weiss, dass Kambodschaner die Brause benützen um ihren Hintern sauber zu machen.

Fragen über Fragen

Doch nach dieser einen Woche Urlaub ist es schon hart wieder zurückzukommen. Warum hatte es 400 Kilometer weg von hier einen 7/11 Supermarkt und hier gibt es nur überteuerte Drink-Shops und den Markt? Warum kann man auf Koh Chang für sechs Dollar eine himmlisch duftende Pizza essen und hier schmeckt auch eine teure Pizza nicht wie eine echte italienische Pizza? Und warum gibt es in Koh Chang nicht nur Meer, sondern auch Wasserfälle mit tiefen Süsswasserbecken, in denen man sich abkühlen kann?

Letzte Hoffnung: Lonely Planet

Wer sucht, der findet, dachte ich mir und borgte mir aus einem Café den kambodschanischen Lonely Planet. Ich studierte den ganzen Teil, der sich mit der Provinz Battambang befasst und schlug alle Seiten auf, die unter dem Stichwort „swimming“ aufgeführt waren. Vergebens. Abgesehen von den Swimming Pools in den Hotels gibt es keine Gelegenheit um sich abzukühlen. Und der braune Fluss, der Battambang zwei Teile teilt lädt nicht wirklich zum Bade ein. Das hatte er auch noch nicht, bevor mir die in einer NGO arbeitende Amerikanerin erzählt hatte, wie ihre Kollegin fast gestorben wäre, weil sie sich in einem Teich eine Krankheit eingefangen hatte.

Südostasien ≠ Südostasien

Also finde ich mich damit ab, dass Südostasien nicht gleich Südostasien ist und ich wohl einfach eine Region ausgewählt habe, die nicht sehr viel zu bieten hat. Schliesslich bin ich auch nicht hier um Urlaub zu machen und der Optimist in mir sagt: Wenigstens gibt es hier in Battambang nicht viel, was dich vom Arbeiten abhält.

Jessica am Mittwoch den 28. Oktober 2009

Genug ist genug! – Umzug auf zwei Rädern

Am Anfang war es ja noch lustig, das Haus mit den Gebrüdern Cockroach, Ameisen, Mister Crabs und Ratten zu teilen. Aber irgendwann hat alles ein Ende. Spätestens dann, als die Ratten in der Küche Fress-Parties veranstalteten und die Kakerlaken-Brüder ihren Mittagsschlaf nicht mehr unter, sondern auf dem Bett machten, hatten wir genug und beschlossen auszuziehen. Das müssen wir uns doch nicht gefallen lassen!

Hamburger selbstgemacht

Da hatten wir es uns gerade so gemütlich gemacht in unserem neuen Zuhause: Wir hatten auf dem Markt eine Pfanne, Gewürze, Schalen, Früchte und einen Reiskocher gekauft. Wir wollten ein Barbecue für die Studenten des Lighthouse schmeissen. Sonntagmorgen gings mit dem gelernten Metzger und somit Fleisch-Experten Lukas auf den Markt um die Zutaten für selbstgemachte Hamburger einzukaufen. Am Nachmittag Englisch-Unterricht geben und während ich das Girls-Province-Team trainierte, hatten Lukas und Marc das Fleisch bereits durch den Fleischwolf gedreht und der Grill stand bereit für uns, die Studenten des Lighthouse und einige SALT-Mitarbeiter. Das Essen war köstlich.

Gastfreundschaft falsch verstanden

Diese Gastfreundschaft hatten unsere kleinen, krabbelnden Untermieter wohl auf sich bezogen. Doch nur weil wir andere Leute an unserem Tisch essen lassen, lassen wir Krabbeltiere noch lange nicht in unserem Bett schlafen. Und dass die Ratten das übriggebliebene Brot anknabberten und in der Küche zerstreuten, war auch nicht so gedacht. Also, nichts wie weg!

Motorrad anstatt Zügelwagen

Umziehen ist für die meisten Leute anstrengend. Doch einen Zügelwagen mieten, diesen füllen und losfahren ist nichts gegen umziehen mit einem Motorrad: Zu zweit auf einem 110-Kubik-Suzuki Viva, jeder mit zwei Taschen und vorne im Körbchen ein Plastiksack voller Schuhe. Ab ins Lighthouse, wo mein Zimmer von nun an als Abstellkammer dient und wir ins benachbarte Hotel Royal ziehen. Den leeren 60-Liter-Rucksack umschnallen und zurück ins immer leerer werdende Haus.

Getränke, Pfannen, Besteck, Gläser in den Rucksack, das Sieb aussen angebunden und wieder auf das Motorrad. Marc fährt mit einer Schachtel voller Bananen und Reis, ich mit einem schweren Rucksack halte mich mit einer Hand an Marc fest, in der anderen Hand der Reiskocher. Von aussen das Tor zuschliessen und den Schlüssel abgeben. Byebye Gebrüder Cockroach, wir werden Euch nicht vermissen!

Jessica am Montag den 26. Oktober 2009

Zeitlos in Kambodscha

von Marc Engelhard

Gestern haben in der Schweiz 7 Millionen Menschen ihre Uhren umgestellt, eine Stunde zurück, mehr Zeit zum Ausschlafen. Hier in Kambodscha hat niemand seine Uhr zurückgestellt, denn Zeitumstellungen gibt es hier nicht. Das wussten wir, Jessica und ich, natürlich nicht, und so kamen wir gestern eine Stunde zu spät zu einem Treffen. Denn mein Handy, das zeitgleich mein Wecker ist, wusste offenbar auch nicht, dass es in Kambodscha nicht automatisch die Zeit um eine Stunde zurückstellen soll. Deshalb weckte es mich zu spät. Naja, wenigstens konnte ich wie alle Schweizer eine Stunde länger schlafen. Also böse bin ich daher nicht auf mein Handy.

Auf dem Weg zum Treffen hatten wir bereits die schlimme Vorahnung, dass die Zeitumstellung meines Handys unserer Pünktlichkeit ein Bein gestellt haben könnte. Sicher waren wir aber nicht. Deshalb wollten wir an öffentlichen Uhren die Zeit überprüfen. Ein frommer Wunsch. In Kambodscha leben nicht nur romantische Touristen zeitlos. Auf der ersten Uhr am Bahnhof ist es immer halb fünf, die Uhr beim Markt ist irgendwann einmal um fünf nach zwei stehen geblieben. Und die andere Uhr am Markt hat keine Zeiger, also nur ein Zifferblatt. Was die Uhr noch nützt, weiss ich auch nicht. Vielleicht ist sie ein Hinweis darauf, dass es durchaus Zeit in Kambodscha gibt. Aber diese Zeit wird nicht so stier wie bei uns von Zeigern vorgegeben, die wie Lehrer im Schulunterricht penibel mit dem Vorzeigestock auf Zahlen zielen. Sondern hier bestimmt jeder selber, wie viel Uhr für ihn gerade ist. Deshalb nimmt man es auch nicht so genau mit der Pünktlichkeit. So plus minus eine Stunde muss man mindestens als Marge einrechnen, wenn man sich in Kambodscha mit jemandem trifft. Und deshalb war es auch nicht so schlimm, dass wir zu spät zu unserem Treffen kamen. Der Kollege, zu dem wir sollten, hat nicht einmal gemerkt, dass wir ihn warten liessen.

Marc Engelhard, 23, stammt aus Aadorf und ist während sechs Wochen zu Besuch in Battambang.

Jessica am Freitag den 23. Oktober 2009

Cambodia 2009

Anbei der Link zu Marc Engelhards Fotoalbum auf Facebook… Momentan gilt noch: kopieren und in neuem Fenster einfügen. Sorry, ich krieg das mit dem direkt verlinken schon noch hin!

http://www.facebook.com/album.php?aid=112758&id=782149529&ref=nf

Jessica am Freitag den 23. Oktober 2009

Alle wollen Englisch lernen

Schulbildung ist in Kambodscha noch immer nicht selbstverständlich. Seit meiner Ankunft Ende September lebe ich im „Lighthouse“, einem Studentenheim für kambodschanische Jugendliche. Das Lighthouse wurde von Lukas Bernhardt gegründet, einem 32-jährigen Thurgauer. Lukas war mein Konfirmationslager-Leiter, als ich 14 Jahre alt war. Seither hat der gelernte Metzger in Kanada Jugendarbeit studiert und lebt nun seit zwei Jahren in Battambang.

Bezahlter Privatunterricht

Im Lighthouse wohnen zurzeit sechs Jugendliche. Rathanak, 24, ist Fussballtrainer in der SALT Academy, dem Fussballprojekt in Battambang. Malai, 24, studiert Krankenschwester, Ravi, 20, studiert Kunst in einer NGO, die diese Ausbildung anbietet. Mao, 20, geht in die 12. Klasse, die Abschlussklasse und will Polizist werden. Votey, 21, ist auch in der letzten Klasse, Somaly, 20, arbeitet als Köchin im Lighthouse und geht in die elfte Klasse. Seavyi ist mit 15 Jahren der Jüngste und ist in der neunten Klasse.

In der Regel ist die Schulbildung nicht kostenlos. Um den Schulstoff zu verstehen, genügt den meisten Schülern die reguläre Schulzeit nicht und sie benötigen zusätzlichen Privatunterricht, für den sie bezahlen müssen. Auch das Papier mit den Prüfungsfragen kostet Geld. Wer das Geld nicht hat, muss die Fragen abschreiben und verliert somit Zeit für das Lösen der Aufgaben. Und die Lehrer haben kein Interesse, im Unterricht den Schülern den Stoff abschliessend zu erklären. Denn neben dem regulären Schullektionen bieten die meisten Lehrer noch Nachhilfeunterricht an, womit sie ihre Kasse aufbessern.

Englisch hat höchste Priorität

Das Hauptziel der meisten Kambodschaner ist es, Englisch zu lernen. Immer mehr Touristen besuchen Battambang und immer mehr Einheimische lernen Englisch, um sich mit den Touristen unterhalten zu können, oder um sich einen Wettbewerbsvorteil um Arbeitsstellen in Läden und Restaurants zu verschaffen.

Im Lighthouse unterrichte ich dreimal in der Woche Englisch. Im Fussball-Projekt SALT Academy bieten wir nun ebenfalls Englisch-Unterricht an. So lernen die Kinder nicht nur Fussballspielen, sondern auch die Grundbegriffe des Fussballs auf Englisch.

Jessica am Freitag den 23. Oktober 2009

“Glühwürmchen, mach keinen Scheiss!”

Die Abende in Battambang sind kurz. Gegen 18 Uhr wird es innerhalb von zwanzig Minuten dunkel. Einziges natürliches Licht ist das Glühwürmchen, das jeden Abend um unseren Sitzplatz herumtanzt und uns so unterhält. Jahrlang haben wir kein Glühwürmchen mehr gesehen und nun haben wir eins in unserem Garten – ein Haus-Glühwürmchen sozusagen.

Der natürliche Feind des Glühwürmchens

Doch das Glühwürmchen ist nicht unser einziges Haustier. Abends, wenn es dunkel wird und wir dem Glühwürmchen zusehen, kommen die Geckos. Sie sind überheblich und laufen immer an der Decke. Es ist als ob sie uns ständig zeigen wollen, dass sie etwas können, was wir nicht können. Die Geckos sind die eigentlichen Herrscher des Hauses, denn sie sind viele. Und sie haben grosse Brüder, die “Tekaos”. Ein Tekao ist ein grosser Gecko mit schöner grün-rot-Färbung. Der grösste in unserem Haus ist etwa dreissig Zentimeter lang und hat Zähne.

Von der Glühbirne geblendet

Wir mögen sie, die Geckos. Das heisst aber nicht, dass sie sich alles erlauben dürfen. Gestern, als sich unser Glühwürmchen ins Gecko-Revier verirrt hatte und sich ein Gecko anpirschte, mussten wir uns auf eine Seite schlagen. Und die Seite war klar: Das Glühwürmchen flog der Decke lang, dem Licht entgegen (es ist kein intelligentes Glühwürmchen). Der Gecko entdeckte es, näherte sich langsam. Das Glühwürmchen, naiv wie es ist, war dermassen von der Glühbirne fasziniert, dass es den Gecko nicht bemerkte. Wahrscheinlich hielt es die Glühbirne für einen riesigen Artgenossen.

Wir verfolgen das Szenario gespannt: Plötzlich fliegt das Glühwürchen in Richtung Gecko. “Glühwürmchen, mach keinen Scheiss”, rufen wir. Das Glühwürmchen scheint uns aber nicht zu hören. Dem Gecko läuft schon das Wasser im Mund zusammen beim Anblick des saftig glühenden Würmchens. Doch er hatte sich zu früh gefreut: das Glühwürmchen ändert seinen Kurs in letzter Sekunde und fliegt davon.

Gebrüder La Cucaracha & Co.

Neben Geckos, Tekaos und Glühwürmchen gibt es noch die Gebrüder La Cucaracha: braune Fünf-Zentimeter-Käfer. Zwar sind sie unbeliebte Untermieter, aber wir sind ihnen ausgeliefert, weil sie so schnell rennen, dass wir sie nicht einfangen können. Die einzige Möglichkeit wäre ein Insekten-Killer-Spray. Doch würde dadurch unsere Luftqualität verschmutzt. Es ist also ein Abwägen. Bisher ertragen wir sie noch.

Periodisches Wasser-Schloss

Andere natürliche Haustiere sind bei uns herzliche willkommen. Mister Crabs beispielsweise, der in unserem Hausteich wohnt. Das Haus wird aufgrund der heftigen Regenfälle von einem Wassergraben umgeben. Dieser läuft ab, aber nur ganz langsam. Da freut sich Mister Crabs natürlich, ein einarmiger, faustgrosser, brauner Wasserkrebs. Er lebt in unserem Teich, zusammen mit ein paar Krebs-Kollegen, einige kleinen Fischen und Wasserspinnen.

Gnade den Glühwürmchen, Kampf den Moskitos!

Unser Teich zieht aber Moskitos an, viele Moskitos. Sie sind unsere schlimmsten Haustiere. Trotz Mückengittern an allen Türen und Fenstern schaffen sie es irgendwie ins Haus zu kommen und uns in der Nacht aufzufressen. Deshalb sollten die Geckos gegenüber dem Glühwürmchen Gnade walten lassen und die Moskitos fressen. Denn je mehr Moskitos sie fressen, desto weniger können uns fressen.