Bevor man Südostasien betritt hört man schon viele Horror-Geschichten. Zumindest für mich sind es Horror-Geschichten. Geschichten von Busreisen, langen Busreisen. Von kotzenden Leuten, von Plastiksäcken im Bus, die herumgereicht werden, damit sich jeder darin entledigen kann. Von Kindern, die es nicht bis zum Plastiksack schaffen usw.
Nichts hat mich vor Kambodscha so beunruhigt wie diese Szenen. Und immer wenn ich mit vielen Ausländern einen Bus geteilt hatte, habe ich kurze Panikanfälle gekriegt, wenn sich jemand ruckartig bewegt hat, wenn sich jemand nach vorne setzte, wenn sich jemand hinlegte und wenn jemand auffällig bleich war oder viel hustete. Die Ausländer, dachte ich, die Ausländer sind sich die holprigen Strassen, die Schlaglöcherfahrten und die Sprungschanzen auf den Strassen nicht gewöhnt. Aber hoffentlich nicht in diesem Bus. Hoffentlich passiert es nicht in meinem Bus.
4 dl sind schon zuviel
Hätte ich damals gewusst, wie meine erste Erfahrung mit Reisekrankheit sein wird, hätte ich mir gewünscht, dass es in einem Reisebus dazugekommen wär – oder in einem Mini-Bus meinetwegen. Alles, nur nicht so, wie es jetzt gekommen ist.
Die Hochzeit in Pailin war ausfällig. Die 21-jährige Schwester des Bräutigams hatte am Fest zu viel Bier getrunken und wurde ziemlich übermütig. Getanzt hat sie wie eine aus einem Musikvideo – und geweint hat sie, als ihre Mutter wütend auf sie war, weil sie sich so hatte gehen lassen. Dabei waren drei Gläser Bier mit Eis alles, was sie getrunken hatte. Das waren nicht mehr als 4 Deziliter, da bin ich mir immernoch sicher. Aufjedenfall war es zuviel für sie und der Abend endete für sie im Haus, in der ersten und einzigen Etage, auf der Strohmatte liegend, in den Armen ihrer Schwester. Würgend, erbrechend, weinend und sich schämend. Hundertmal hat sie sich entschuldigt und ich habe hundertmal geantwortet, dass das jedem passieren würde einmal im Leben.
Sardinenbüchsen-Taxifahrt
Noch leicht traumatisiert vom Vorabend stiegen wir zu dritt ins Taxi. Wir hatten drei Personen angekündigt – und der Chauffeur hatte im kleinen grünen Toyota Camry-Fünfplätzer drei Plätze freigelassen. Kambodschanische Plätze. Die Rückbank war schon prallgefüllt. Nicht drei Leute, nicht vier Leute hinten. Sieben Leute hinten – ein Mann in der Mitte und drei Frauen links und rechts von ihm – jede Frau mit einem kleinen Kind auf dem Schoss. Unsere drei Plätze waren, wie gnädig, die vorderen drei Plätze. Zwei Leute auf dem Beifahrersitz, eine Kambodschanerin aus dem Studentenheim wo ich gewohnt hatte, und ich und der grossgewachsene aber dünne Mao auf dem Fahrersitz. Er durfte anlehnen, der Taxichauffeur hatte dreiviertel des Beinraums. Das scheint fair.
Die Holperfahrt begann gut. Bis meine Sitz-Kollegin sich ihren Mundschutz montierte. Wozu genau weiss ich nicht. Die Strasse war schon mehr Schlagloch und Strasse und wenn ein Auto vorneweg fuhr sah man nichts mehr wegen des Staubs. Aber im Auto drin war es fast so kalt wie in der Schweiz. DIe Klima-Anlage voll aufgedreht, wie es sich gehört.
Ein Albtraum wird wahr
Die Holperfahrt ging weiter gut. Bis sich meine Sitz-Kollegin umdrehte und mit dem Finger auf etwas zeigte. Der Mann reichte ihr die Taschentücher, dann, nachdem sie den Kopf schüttelte, den schwarzen Plastiksack. “Som chop”, flehte ich den Chauffeur in meinem besten khmer an – und zu meinem Glück hielt er an. Ich stürzte aus dem Wagen, meine Sitz-Kollegin hinterher. Den Rest kann man sich ja denken. Gottseidank hatten wir angehalten, dachte ich – wenn sie es nicht mehr nach draussen geschafft hätte, hätte es vielleicht die vielerzählte Kettenreaktion gegeben. Ich hätte wohl heute noch Albträume.
Noch 100 Kilometer hatten wir vor uns. In zweieinhalb Stunden seien wir in Battambang, erklärte mir der nette Mann hinten auf der Rückbank. Wir plauderten ein bisschen, er sich für sein schlechtes englisch entschuldigend, ich mich für mein praktisch-nicht-existierendes Khmer entschuldigend. Es war nett. Leider nicht so nett, dass ich das Würgen neben mir hätte überhören können. “Woman, no good”, meinte der Mann. Der Taxichauffeur warf uns einen Blick zu, blickte zu der “no-good-woman” rüber. Sie hatte sich nach vorne gebeugt und hat das getan, was sie tun musste. Er verdrehte die Augen und fuhr weiter.
Taxichauffeur ist ein toller Job, aber…
Ich konnte es nicht glauben. Wie kann man so ruhig bleiben, wenn sich eine Person einen Meter entfernt übergibt? Warum hielt er nicht an? Warum öffnete er nicht das Fenster, damit sie ihren Plastiksack entsorgen konnte? Nichts von allem geschah, auch nicht nach dem zweiten Mal und dritten Mal, dass sie sich noch übergab.
Besser wurde es auch nicht, als wir die geteerte Strasse erreicht hatten. Geschafft stieg ich aus. Sie auch und erst dann entsorgte sie die Plastiksäcke, die sie während der gesamten Autofahrt gehütet hatte. Wieso in diesem Auto? Und wieso die Kambodschaner? Die sollten sich diese Strassen doch langsam gewöhnt sein – müsste man meinen. Und was mich noch mehr beunruhigt: Hätte der Taxichauffeur auch so gelassen reagiert, wenn es nicht zu seinem Job gehören würde? Mit dieser Befürchtung werd ich mich besonders auf die nächsten Fahrten freuen…






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